Holz Modulbau im Aufschwung

Architektur

Holz-Modulbau im Aufschwung

Für bezahlbaren Wohn- und Lebensraum gibt es inzwischen viele Konzepte und realisierte Projekte mit Holzmodulen.

Eine der drängendsten Aufgaben vieler Städte und Gemeinden ist es, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Insbesondere die Versorgung von Geflüchteten und Asylbewerbern steht seit 2015 ganz oben auf deren Agenda. Doch auch sonst fehlt es seit Jahren in vielen Ballungsräumen an Wohnungen für Familien, Paare, Singles, Senioren und Studenten. Das will die öffentliche Hand zügig ändern. Der Holz-Modulbau hat hier schnelle und kostengünstige Lösungen zu bieten und ist – jenseits von bloßen Behältnissen wie Stahlcontainer – Wohn- und Lebensraum, der seinen Namen auch verdient.

Die hohe Zahl der Schutzsuchenden, die letztes Jahr schnell untergebracht werden musste, rückte auch die Frage nach der Art der neuen Unterkünfte in den Fokus der Betrachtungen. Und obwohl viele Kommunen einen menschenwürdigen Wohn- und Lebensraum zur Verfügung stellen wollen, fallen ihnen als Behelfslösung – wenn alle Bestandsbauten ausgelastet sind – meist nur Stahl-Container ein. Die Hessische Architektenkammer sprach sich deshalb Ende Juli 2015 in ihrem Positionspapier „Flüchtlinge brauchen Wohnungen, keine Behälter!“ entschieden gegen Stahlcontainer aus und legte den Verantwortlichen nahe, die benötigten Wohnunterkünfte möglichst in Holz-Modulbauweise zu errichten. Auf diesen Apell reagierten holzaffine Planer und die Holzbaubranche sofort: In Windeseile erarbeiteten sie neue Konzepte und Typenentwürfe oder entwickelten vorhandene weiter. Damit wurde Städten und Gemeinden ein schneller und unkomplizierter Weg zu neuem Wohnraum geebnet, der bei späteren Nutzungsänderungen auch maximale Flexibilität bietet.

Inzwischen sind viele Unterkünfte in Holz-Modulbauweise entstanden, wie etwa das Internetportal www.wohnraum-fuer-fluechtlinge.info des Deutschen Holzwirtschaftsrats (DHWR) zeigt. Der Modulbau war sogar auf der 15. Architektur-Biennale (bis 27. November 2016 in Venedig) Teil der Ausstellung im Deutschen Pavillon. Neun Beispiele zeigten dort exemplarisch, wo und wie Geflüchtete untergebracht wurden.

Umfassender Lösungsansatz

Die Faszination am Modulbau ergibt sich aus der Herausforderung, alle Funktionen einer eigenständigen Wohneinheit auf kleinstem Raum optimal zu organisieren und diese dabei nach allen Regeln der Architektur auch optimal zu gestalten. Gleichzeitig ermöglicht es die Bauweise, Module hinzuzufügen oder wegzunehmen und damit Wohnraum nach Bedarf und Nutzungsart zu schaffen.

Modulbau wird meist mit Raumzellenbau gleichgesetzt, bei dem vorgefertigte Raumzellen aneinandergereiht und gestapelt werden. Modulbauten können aber auch Gebäude sein, die sich aus einzelnen Wand- und Decken-Elementen zu Raummodulen immer gleicher Abmessungen beziehungsweise solchen mit entsprechendem Achsraster zusammensetzen und erst vor Ort montiert werden – zum Beispiel dann, wenn ein platzsparender Transport gefragt ist. Klassische Gebäudetypen für die Modulbauweise sind solche mit sich wiederholenden Raumfunktionen wie Studenten- und Schülerwohnheime, Hotels, Altenheime, Krankenhäuser, Schul(ersatz)bauten sowie Büro- und Verwaltungsgebäude. Seit der Flüchtlingssituation hat sich das Spektrum um Wohnhäuser für Schutzsuchende und Asylbewerber und damit um den sozialen Wohnungsbau erweitert.

Dass der Holz-Modulbau relativ kostengünstig ist, ergibt sich aus der Serienproduktion der Raumzellen – gegebenenfalls mit eingebauten Nasszellen, Haustechnikinstallationen und sogar Möbeln –, dem schnellen Zusammenbau und den sich wiederholenden Abläufen bei der Montage. Damit lassen sich sowohl die Bauzeiten als auch die Baukosten erheblich reduzieren bei gleichzeitig hoher Ausführungsqualität aufgrund der witterungsunabhängigen Vorfertigung im Werk.

Neue und alte Konzepte

Der Holz-Modulbau wurde nicht erst im vergangenen Jahr erfunden, wie man aufgrund des Booms annehmen könnte. Es gibt ihn schon Jahrzehnte, er wird aber regelmäßig neu entdeckt. Wegen des aktuell hohen Bedarfs an flexiblen Lösungen für kostengünstigen Wohnraum haben viele Architekten sowie Holzbau- und andere Unternehmen jedoch jetzt erstmals eigene Module entwickelt. Auch bestehende Konzepte wurden in der breiten Fachöffentlichkeit dadurch erst jetzt bewusst wahrgenommen.

Von sich Reden gemacht hat etwa das Frankfurter Architekturbüro NKBAK mit dem Erweiterungsbau der Europäischen Schule in Frankfurt (Fertigstellung: April 2015). Für den modular konzipierten Holzbau nutzte es Raummodule von Kaufmann Bausysteme aus dem österreichischen Reuthe. Das Unternehmen betreibt das systematisierte Bauen mit Raumzellen seit Jahren und hat damit schon viele Gebäude errichtet, etwa Seniorenwohnheime, Hotels und Schulen. Sein jüngstes Projekt sind zwei dreigeschossige Gemeinschaftsunterkünfte aus 180 Holz-Modulen für 250 Menschen in Hannover. Einen Namen gemacht haben sich auch werk.um Architekten aus Darmstadt mit ihren mobilen, das heißt temporär angelegten Schulersatzbauten in Holz-Modulbauweise namens „mobi-space“. Ursprünglich als Übergangslösung gedacht, wenn die eigentlichen Schulgebäude während einer Sanierung nicht genutzt werden können, gibt es inzwischen auch Bauherren, die diese Holz-Modul-Schulbauten als Dauerlösung beauftragen und solche, die als Büro, Kindertagesstätte, Ausstellungsraum und vieles mehr einen Holz-Modulbau à la mobi-space wünschen.

Wie Kaufmann Bausystem haben auch andere, mit Architekten kooperierende Holzbauunternehmen Holzmodule entwickelt. So die in Adelsried ansässige Firma ABA Holz van Kempen. Mit ihren „KLH Raummodulen“ aus massivem Kreuzlagenholz (KLH = Brettsperrholz (BSP)) wurde letztes Jahr eine zweigeschossige Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber und Obdachlose in Sauerlach im Auftrag des Landkreises München errichtet. Zusammen mit dem Architekten Manfred Gruber aus Bad Saulgau und ABA entwickelte zudem der Generalübernehmer LiWood aus München ein Raummodul aus Massivholz mit Stahlbeton-Boden für ein Studentenwohnheim aus drei fünfgeschossigen Apartmenthäusern „Im Neuenheimer Feld“ in Heidelberg. In den 158 Apartments aus 265 Modulen kommen 265 Studenten unter. Der Holzwerkstoffhersteller Egger aus St. Johann in Österreich hat sich von seinem Architekten Bruno Moser und Holzbau Saurer das „Konzepthaus“-Modul entwickeln lassen, das auf dem Prinzip des modular aufgebauten Stammhauses des Unternehmens in St. Johann beruht. Mit diesem „Konzepthaus“-Modul wiederum hat das Architekturbüro FAI aus Göppingen das Ende April 2016 eröffnete, zweigeschossige Flüchtlingsheim in Uhingen (Großraum Stuttgart) geplant. Und zu guter Letzt entsteht derzeit ein Erweiterungsbau der Dr. Franz Dengler Klinik in Baden-Baden in Holz-Modulbauweise. Geplant hat sie das Architekturbüro abc-Modul aus Berlin/Karlsruhe. Gefertigt und montiert hat die Elemente Haas Fertigbau aus Falkenberg.

Die Liste der Architekten und Unternehmen, die im Holz-Modulbau aktiv geworden sind, ist kaum überschaubar, und die Variationsmöglichkeiten scheinen noch lange nicht ausgeschöpft.

Dipl.-Ing. (FH) Susanne Jacob-Freitag ist freiberufliche Baufachjournalistin in Karlsruhe und betreibt das Redaktionsbüro manuScriptur (www.manuscriptur.de)

Info-Kasten:

  • Bereits umgesetzte und noch in Planung befindliche Konzepte zeigt das Internetportal wohnraum-fuer-fluechtlinge.info des Deutschen Holzwirtschaftsrats (DHWR), Dachverbandes der deutschen Holzwirtschaft. Es informiert auch darüber, an wen sich interessierte Architekten und Kommunen vor Ort wenden können (mit Übersicht „Anforderungen an Flüchtlingswohnraum“ und Musterausschreibung). 
  • Der Modulbau war auf der 15. Architektur-Biennale (25.5. bis 27.11.2016) in Venedig (Italien) Teil der Ausstellung im Deutschen Pavillon. Neun Beispiele zeigen dort exemplarisch, wo und wie Geflüchtete untergebracht wurden. Die restlichen 41 der insgesamt 50 Projekte – nicht alle davon sind Holz-Modulbauten, aber sehr viele – dokumentiert eine Datenbank im Internet (http://makingheimat.de/#fluechtlingsunterkuenfte) bzw. eine Zusammenstellung auf einem herunterladbarem pdf-Dokument (http://tinyurl.com/huyb3s9).

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Literatur zum Herunterladen: 

26. Jänner 2017

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