Ingenieure

„Gutes Design braucht Wahnsinn.“

INNOCAD

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Martin Lesjak

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Lesedauer: 4 min.

Was braucht es für eine kreative Revolution? INNOCAD-Gründer und Designer of the Year 2015 Martin Lesjak hat die Antworten. Immerhin spricht er aus Erfahrung.

untermStrich Kunde INNOCAD Martin Lesjak

Es ist das goldene Herz von INNOCAD.

Hier, am Rande der Grazer Innenstadt, bricht das goldene Headquarter mit der Tradition des Blocks. Gold statt fahlem Grau, optisch herausfordernde Perspektiven statt baulichem Einheitsbrei. Martin Lesjak lässt sich in den Sessel am Besprechungstisch fallen.

„Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat mit dem Interviewtermin. Aber der Kalender ist voll", sagt er und schenkt ein Glas Wasser ein.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Büro erinnern?

„Da müssten wir den Begriff Büro glaube ich erst einmal neu definieren! Wir waren eine Gruppe von Studienkollegen. Damals, vor knapp 20 Jahren, war alles noch etwas freier, weniger verschult als heute. Man hat schon an der Uni an echten Projekten gearbeitet. Uns war recht schnell klar, dass wir einen gemeinsamen Ort dafür brauchen. In den einzelnen WGs war das nicht gut möglich. Dann ist zu der Zeit ein Zubau an der technischen Universität von Günther Domenig fertig geworden. Mit einem Stiegenhaus, das ca. 25 m2 große Zwischenebenen hatte. Die haben wir einfach besetzt und zu unserem Zeichensaal umfunktioniert. An der Universität sind immer öfter Firmen ein- und ausgelaufen und die sind natürlich auf unseren Haufen aufmerksam geworden. So kamen die ersten Aufträge. Die Uni hat uns dann immer wieder rausgeschmissen aus dem Stiegenhaus. Eine Zeit lang sind wir aber immer wieder zurückgekommen. Bis wir dann doch eine kleine Wohnung gemietet haben und die zu einem Planungsbüro umfunktioniert haben. Die Pläne gestempelt hat ein Baumeister für uns."

Ein besetztes Stiegenhaus als erster Arbeitsplatz – 25 Quadratmeter Zwischenebene, umfunktioniert zum Zeichensaal. Kein Mietvertrag, kein Firmenschild, aber echte Projekte und der erste Kontakt mit Auftraggebern. Was als informelle Besetzung begann, wurde zum Ausgangspunkt eines Büros, das heute mit seinem goldenen Headquarter das Stadtbild prägt. Der Weg dazwischen war konsequent – auch wenn er mehrfach mit dem Rauswurf aus dem Stiegenhaus begann.

Klingt so einfach, diese kreative Revolution. War sie es auch?

„Ich muss zugeben, wir haben einen recht schnellen Start hingelegt. Von Betriebswirtschaft hatten wir damals keine Ahnung. Wir haben einfach gearbeitet. Als Student kommt man mit wenig bis Nichts aus, von dem her hat es uns kaum gestört, wenn am Ende eines Monats halt gerade einmal genug für die Miete übrig geblieben ist. Wir mussten viel gratis arbeiten, einfach, um die Sachen zu lernen. Wir haben ja eben nicht in einem anderen Architekturbüro gearbeitet sondern uns noch im Hörsaal selbstständig gemacht. Unser Glück war, dass mein Gründungspartner Peter schnell ein Auge für die Bedeutung einer guten Struktur entwickelt hat. Dann kam untermStrich ins Spiel. Die waren genau so jung und neu damals wie wir, das hat gut gepasst!"

Kein betriebswirtschaftliches Fundament, kein Gehalt aus einem anderen Büro – nur die Arbeit selbst. Was INNOCAD in den Anfangsjahren stabilisiert hat, war nicht Kapital, sondern Struktur. Der Moment, in dem ein Gründungspartner den Wert geordneter Abläufe erkannte, war entscheidend. untermStrich kam genau zu diesem Zeitpunkt ins Spiel – ein junges Unternehmen trifft ein junges Büro. Eine Ausgangslage, die passte.

Heute zählen Sie zu den großen Playern in der Branche, ohne euren Ruf als Freidenker eingebüßt zu haben. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

„Ganz einfach. Das ist kein Job, das ist eine Berufung. Und wir leben diese uneingeschränkt. Berufung klingt vielleicht pathetisch, das muss es für jeden für uns aber sein. Man muss mehr machen, als einfach nur seine täglichen Aufgaben abhaken. Nine to five kenne ich nicht. Mein Arbeitstag ist nicht nach einer Stechuhr beendet, sondern dann, wenn ich den bestmöglichen Plan am Tisch vor mir liegen habe. Wenn man Architekt sein oder im kreativen Bereich arbeiten will, muss man sich als Person oder Künstler finden. Man muss seine Lebenschoreographie daran anpassen, wenn man es schaffen will, mit Kreativität auch Geld zu verdienen. Muss reisen, außergewöhnlichen Menschen begegnen und mit ihnen arbeiten, im Grunde seine eigene Persönlichkeit füttern, um weiterzukommen. Aktuell findet man das bei den Jungen in unserer Branche zu selten. Der Hunger für diese eine Sache fehlt oft. Jeder hat eine Vielzahl an Interessen und Hobbys. Da bleibt wenig Zeit und Raum, um sich wie ein Wahnsinniger in ein Thema zu stürzen. Es ist wie im Spitzensport. Wenn man gut werden will, muss man einfach mehr tun als die anderen. Investment, Commitment, das ist die Basis. Und dann genau die Besessenheit, dieses verinnerlichen seiner Arbeit. Gutes Design braucht Wahnsinn."

Berufung ist kein romantischer Begriff – es ist eine Anforderung. Wer im kreativen Bereich wirtschaftlich bestehen will, braucht mehr als Talent. Reisen, Begegnungen, das bewusste Formen der eigenen Persönlichkeit – das ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung. Was Lesjak bei jüngeren Generationen vermisst, ist nicht Können, sondern Fokus. Die Bereitschaft, sich vollständig in eine Sache zu stürzen, wird seltener. Dabei ist genau das die Basis.

Wie könnte man das Problem lösen? Welches Fach würden Sie etwa für Studenten an der Uni einführen?

„Hm. Gute Frage. Was definitiv fehlt ist Ethik. Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Das muss man auch den Jungen ganz klar machen. Heutzutage ist es auch durchaus wichtig, sich mit seiner Arbeit gesellschaftspolitisch zu positionieren. Wir bauen nicht nur mit dem Hintergrund, dass da ein Gebäude in der Gegend herumsteht. Wir gestalten Lebensraum und gesellschaftlich relevante Konzepte."

Ethik als Pflichtfach – nicht als moralische Übung, sondern als fachliche Grundlage. Wer Lebensraum gestaltet, trägt Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Diese Haltung früh zu verankern, ist keine weiche Forderung. Es ist eine klare Positionierung: Architektur ist kein neutrales Handwerk. Sie formt, wie Menschen leben.

Wie passiert Kreativität bei Ihnen?

„Bis zu einem gewissen Grad kann ich das steuern und trainieren. Meine Performance bringen, wenn ich muss. Ideen kommen die ganze Zeit. Die muss man alle abspeichern und im richtigen Moment nach vorne zu ziehen. Was unglaublich hilft ist viel reisen und sein Hirn mit den unterschiedlichsten Inputs füttern. Ich mache etwa elektronische Musik. Im Keller hier im Büro haben wir ein Musikstudio, machen viel Sounddesign, etwa für die steirische Landesausstellung. Soundtrack für Videos. Produzieren Techno und release auch. Alles das gehört auch zur Architektur. Die hört ja nicht beim Hausdach auf."

Kreativität auf Abruf – das klingt nach Widerspruch, ist aber eine Frage der Vorbereitung. Ideen entstehen kontinuierlich, werden gesammelt und zum richtigen Zeitpunkt abgerufen. Was diesen Prozess speist, sind bewusst gesetzte Impulse von außen: Reisen, Musik, Sounddesign, Produktion. Im Büro gibt es dafür sogar ein eigenes Studio. Architektur endet nicht beim Gebäude – sie beginnt weit davor.

Das war ja auch in der Architektur von Anfang an Ihr Konzept …

„Ja. Das Transdisziplinäre ist absolut in unserer DNA verankert. Innerhalb eines Teams wechseln wir bewusst die Disziplinen, um immer wieder was Neues zu lernen. Bei uns gibt es Leute, die kommen ursprünglich aus der Mode, dem Interiordesign, der Musik, Informationsdesign, Architektur. Arbeiten zusätzlich mit externen Künstlern, Wissenschaftlern und Co. Dieses Wechselspiel funktioniert wirklich. Kreativität hat keine Kategorie. Sich in Definitionen zwängen zu lassen, bringt nichts. Das ist wie eine ständige Ausbildung. Die Grenzen verschwimmen und jeder der Projektbeteiligten kann aus dem Pool schöpfen. Der Zugang ist immer derselbe, ob man ein Haus baut oder eine Sonnenbrille designt."

Transdisziplinarität ist bei INNOCAD kein Konzept auf dem Papier – es ist die tägliche Arbeitsweise. Mode, Musik, Informationsdesign, Architektur: unterschiedliche Hintergründe, ein gemeinsamer Zugang. Wer die Grenzen zwischen Disziplinen bewusst verschwimmen lässt, schafft einen gemeinsamen Pool, aus dem alle schöpfen können. Ob Gebäude oder Sonnenbrille – die Haltung dahinter bleibt dieselbe.

Was war Ihre beste und lukrativste Idee?

„Ganz klar das Designlabel 13&9, das ich mit meiner Frau Anastasija gegründet habe. Der Designprozess wird auf dieser Plattform noch in andere Dimensionen getragen. Ob das besagte Sonnenbrillen sind, Möbel, Beleuchtung, Mode. Wir bauen unsere Welt immer weiter, bis in die kleinen Dinge des Alltags hinein. Diese Konsequenz für das Thema Design beflügelt umgekehrt auch wieder unsere Architektur."

Ein Designlabel als logische Erweiterung der eigenen Haltung. 13&9 ist nicht Diversifikation um ihrer selbst willen – es ist die konsequente Weiterführung desselben Zugangs in andere Maßstäbe. Sonnenbrillen, Möbel, Beleuchtung, Mode: Was klein wirkt, speist das Große. Und umgekehrt. Design als geschlossener Kreislauf.

Innocad
Sitz: Graz, Österreich, und New York, USA

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