Was steckt wirklich hinter dem Begriff des smarten Hauses? Der österreichische Ingenieur Arnold Stengg über digitale Butler, das Monitoring von uns als Schlüsseldisziplin für eine nachhaltige Zukunft und die Grundlagen für eine erfolgreiche Kommunikation zwischen Architektur und Technologie.
Hand aufs Planerherz: Was muss das perfekte Haus wirklich können?
„Schwer zu sagen. Das perfekte Haus im klassischen Sinn gibt es nach meiner Erfahrung nicht. Was aber ein lohnenswertes Ziel sein kann: das „optimale“ Haus zu planen, in der Umsetzung und in der Nutzungsphase als technischer Facilitydienstleister zu begleiten. Lassen Sie mich als Gebäudesystemtechnikplaner ein paar bespielhafte Aspekte formulieren, die eine „intelligente“ Immobilie aus unserer Erfahrung auszeichnen. Wir können für den Bauherrn etwa den „digitalen Butler“ – Hausmeister klingt nicht mehr zeitgemäß und Facilitymanagerassistent ist wahrscheinlich verwirrend – kreieren. Der sorgt dafür, dass die Bedürfnisse des Bauherrn und oder Nutzers an Komfort, Sicherheit, Energieeffizienz, Flexibilität, Optimierung der Wertbeständigkeit der Immobile befriedigt werden. Da Vertrauen gut ist, aber Kontrolle nicht schadet, sollte es selbstverständlich sein, dass der Bauherr oder nur der Nutzer aus der Ferne den „digitalen Butler“ kontrollieren kann.
Das Faszinierende ist, dass neue Erfahrungen und Erkenntnisse z.B. im Laufe des Wohnens dem „digitalen Butler“ in Form von update, upgrade mitgeteilt und somit realisiert werden können. Der Nutzer kann somit, wenn er es wünscht und Smartdevices offen ist, ohne Inanspruchnahme von Spezialisten seine persönlichen Features selbst nach seinem Geschmack personalisieren bzw. individualisieren.“
Das perfekte Haus ist kein statisches Ideal, sondern ein System, das sich anpassen kann. Entscheidend ist nicht Perfektion im klassischen Sinn, sondern die Fähigkeit, Komfort, Sicherheit, Energieeffizienz, Flexibilität und Werterhalt sinnvoll zusammenzuführen. Der beschriebene „digitale Butler“ steht genau für diesen Anspruch: Technik, die mitdenkt, steuerbar bleibt und sich mit den Anforderungen der Nutzenden weiterentwickeln kann.

Sie haben Ihr Unternehmen 1991 gegründet. Wie sah Gebäudetechnik damals aus? Wie stark hat die Digitalisierung in den vergangenen 25 Jahren Ihr Berufsbild verändert?
„Da ich 1991 aus der Verpackungsmittelindustrie – in der zu dieser Zeit schon die diversen Produktionsprozesse mittels Einsatz von Elektronik gesteuert, geregelt, überwacht und gemonitort wurden – in die Selbstständigkeit wechselte und das Technische Büro für Elektrotechnik Ing. Arnold STENGG gründete, war ich schon überrascht, welch technisch bescheidener Standard der Elektrotechnik in den Gebäuden geplant und gebaut wurde.
Die Anfänge der Elektronik in der klassischen Elektroinstallation von Gebäuden waren überschaubar. Aber auch die Arbeits- und Planungsprozesse in den Planungsbüros waren sehr traditionell, von Digitalisierung war zu dieser Zeit noch kaum die Rede, gewerkeübergreifende Lösungsansätze die Ausnahme, CAD in den Kinderschuhen. Ab 1997 sind wir zertifizierte Spezialisten für den EIB (Europäische Installationsbus) dem Vorgänger des nunmehr weltweiten Gebäudeautomationsstandard KNX. 1998 haben wir uns entschieden Qualitätsmanagement einzuführen und sind bis heute ISO 9001:2015 TÜV zertifiziert. Mit der Zeit haben wir auch unsere Arbeitsprozesse optimiert. 2002 haben wir uns für die Managementsoftware untermStrich entschieden.
Ohne untermStrich können wir uns heute nicht vorstellen, dieses hohe Maß an eigenverantwortlicher Tätigkeit der Mitarbeiter auch mit variablen Homeoffice Anteil und der Vielfalt von verschiedenen Projekten mit unterschiedlichsten Aufgabenstellungen, Projektstrukturen und Laufzeiten, so verlässlich zu bewältigen. Der Wandel, sowohl wie wir heute unsere Geschäftsprozesse also unsere Dienstleistungen abwickeln, als auch welche technischen Standards wir in der Gebäudesystemtechnik für intelligente, über den gesamten Lebenszyklus hinweg ökologisch, ökonomische Immobilien, gemeinsam im Team mit unseren Planungskollegen der anderen Fachdisziplinen umsetzen, ist enorm.“
Der Blick zurück zeigt, wie grundlegend sich die Branche verändert hat. Anfang der 1990er-Jahre waren sowohl die technische Ausstattung in Gebäuden als auch die Arbeitsprozesse in Planungsbüros von einem deutlich geringeren Digitalisierungsgrad geprägt. Heute ist die Realität eine andere: gewerkeübergreifende Zusammenarbeit, standardisierte Qualitätsprozesse, Gebäudeautomation und digital gestützte Steuerung komplexer Projekte gehören zum Alltag. untermStrich ist dabei seit 2002 ein fester Bestandteil dieser Entwicklung – als Grundlage für verlässliche Prozesse, eigenverantwortliches Arbeiten und die Steuerung unterschiedlichster Projekte.

Schauen wir in die Zukunft: Was raten Sie jungen Berufskollegen, die gerade in die Selbstständigkeit starten?
„Jungunternehmern könnte man den Tipp geben, sich gut darauf vorzubereiten, Beratungsmöglichkeiten zu nutzen und Kooperationen als wertvolle Strategie zu leben. Netzwerke als Organisationsstruktur zu erkennen. Die größten Fallen sind die Managementaktivitäten und das Qualitätsmanagement zu unterschätzen. Fachkompetenz alleine ist definitiv zu wenig. Neben aktuellen marktrepräsentativen Softwaretools im technischen Bereich auch in der Administration, dem Management, dem Wissensmanagement der Digitalisierung gerecht zu werden. Der beste Rat, den ich selbst bekommen habe? Sich treu bleiben. Und man muss sich neben der Fachkompetenz auch immer um die Sozialkompetenz kümmern.“
Der Rat ist klar: Fachkompetenz reicht nicht. Wer in die Selbstständigkeit startet, muss Management, Qualitätsmanagement, Administration und Wissensmanagement von Anfang an mitdenken. Netzwerke und Kooperationen sind dabei kein Zusatz, sondern Teil der Organisationsstruktur. Und bei aller Technik bleibt ein Punkt zentral: sich treu zu bleiben und die eigene Sozialkompetenz ebenso konsequent zu entwickeln wie die fachliche.
Welche Features von untermStrich sind für Sie besonders wichtig?
„So ziemlich alle. Wobei wir speziell beim Tool Ressourcenplanung – die nach unserer Meinung immer wichtiger werden wird- noch Lernende sind und die bittere Erfahrung machen müssen, dass die aktuelle Projektkultur der größte Hemmschuh ist, hiermit in die Gänge zu kommen. Was wir noch immer nicht umgesetzt haben ist das Angebotsmanagement. Werden wir aber hoffentlich zeitnah aktualisieren können, wenn als Kalkulationsgrundlage bzw. Honorarangebotsstruktur aber auch Honorarstruktur beispielhaft für den österreichischen Markt LM.VM. im untermStrich implementiert ist.“
Die Aussage ist bemerkenswert offen: Nicht die Software allein ist die Herausforderung, sondern oft die Projektkultur. Gerade bei der Ressourcenplanung zeigt sich, wie stark gute Steuerung von gelebten Prozessen abhängt. Gleichzeitig wird deutlich, wohin der Blick geht: Angebotsmanagement und belastbare Kalkulationsgrundlagen sollen künftig noch stärker in die tägliche Arbeit eingebunden werden.
Zurück zu Ihrem Kerngeschäft, der Planung. Was ist eigentlich wichtiger – gute Architektur oder gute Gebäudetechnik?
„Das lohnende gemeinsame Ziel ist, dass es kein „oder“ sondern ein „und“ bezüglich Architektur und Gebäudetechnik gibt. Integrale Planungsprozesse mit leistungsfähigen Softwaretools gepaart mit qualitativer softwaregestützter Informations-, Kommunikations-, Konfliktbewältigungskultur und gegenseitige Wertschätzung sind das solide Fundament für diesen Teamerfolg. Wünschenswert ist dabei natürlich, wenn sich bei Team auch der Bauherr angesprochen fühlt und seinen Beitrag für ein hohes Niveau der Projektkultur einbringt und seine Unternehmenskultur Überlegungen ausgerichtet, auf eine Zeitspanne des voraussichtlichen Lebenszyklus der Immobilie zulässt. Kurzstreckendenken erschwert verantwortungsvolles Handeln.“
Die Antwort ist eindeutig: nicht Architektur oder Gebäudetechnik, sondern beides zusammen. Qualität entsteht dort, wo integrale Planungsprozesse, leistungsfähige Softwaretools, funktionierende Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung zusammenkommen. Entscheidend ist dabei nicht nur das Planungsteam. Auch der Bauherr prägt mit seiner Haltung die Projektkultur – vor allem dann, wenn Entscheidungen entlang des Lebenszyklus einer Immobilie getroffen werden und nicht nur mit Blick auf den kurzfristigen Aufwand.

In der Architektur heißt es – gerade beim Thema Nachhaltigkeit – Back to the Roots. Alte Bauweisen setzen sich hier gerade mit Hinblick auf das Thema nachhaltiges Bauen immer stärker durch. Wo sollte man in der Technik eventuell einen Blick retour wagen?
„Ja. Back to the Roots ist okay, wenn es nicht nur als Marketing-Gag verstanden wird. Im Energiebereich wird es wohl nicht, außer für einen abwechslungsreichen temporären Break, zurück zum Lagerfeuer bedeuten. Meiner Meinung nach schließt Digitalisierung a priori Nachhaltigkeit nicht aus, sondern ganz im Gegenteil, clever und gesamtheitlich gedacht gehören sie zusammen wie Pech und Schwefel. Die Zukunft ist elektrisch. Kabel statt Rohre für Raumwärmebedarf – der im Übrigen wegen der immer energetisch hochwertigeren Bautechnik laut EU Gebäuderichtlinie 2021 „Nearly-zero- Energy-Buildings“ ein zentrales hydraulisches Heizungssystem ad absurdum führen wird- ist kein No-Go mehr. Holzsystembauer mit hohem Vorfertigungsgrad in den Produktionsstätten können diesen systemischen Ansatz für ihre bautechnische Strategie optimal nutzen. Energieeffiziente Infrarottechnologie für die Behaglichkeit in Innenräumen, wenn man anwesend ist, ist das was gefragt ist. Sonnenstrom die demokratischste Energieform, dort effizient zu speichern und zu verbrauchen, wo sie effizient, dezentral erzeugt wird. Die Technik die sinnvoll und verantwortungsbewusst eingesetzt war, ist und wird in Zukunft ein Segen für die Menschheit sein.“
Die Perspektive ist klar: Nachhaltigkeit und Digitalisierung stehen nicht im Widerspruch. Im Gegenteil – beides gehört zusammen, wenn Gebäude langfristig sinnvoll geplant, betrieben und weiterentwickelt werden sollen. Der Blick zurück kann Orientierung geben. Die Lösungen für die Zukunft liegen aber dort, wo Technik verantwortungsvoll eingesetzt wird: elektrisch, dezentral, effizient und mit einem klaren Fokus auf den tatsächlichen Bedarf.
Welche technischen Möglichkeiten fehlen uns noch?
„Meiner Meinung nach ist die Technik schon wesentlich weiter als deren Anwendung in unserem täglichen Leben. Durch die Digitalisierung wird es hoffentlich möglich sein, die Dematerialisierung und die damit einhergehende Ressourcenschonung voranzutreiben und somit die kostengünstige präventive Ausrüstung von Immobilien mit Sensorik zu erreichen. Mit dieser Strategie wird es unter anderem möglich sein mit der Schlüsseldisziplin „Monitoring“, das Verhalten der Menschen bezüglich energieeffizientem Verhalten positiv zu beeinflussen. Denn ohne verantwortungsbewusstes Verhalten des Menschen wird es auf unserem Planeten Erde ungemütlich werden. Es stehen die Funktionalitäten, die eine Immobilie in der Lage ist zu bieten, im Vordergrund. Begriffe wie update, upgrade, featurelevel, function on demand, werden den Beteiligten und Interessierten in der Immobilienbranche in Zusammenhang mit Gebäudesystemtechnik vertraut sein.
Wenn ich an unsere Planertätigkeit mit BIM denke, dann haben wir es weniger mit technischen Herausforderungen zu tun, als mit menschlichen, vergaberechtlichen, vertragsrechtlichen Ungereimtheiten und Hindernissen, die gelöst werden müssen, um die gigantischen Nutzenpotentiale von BIM in Zukunft tatsächlich umsetzen zu können. Die Projektkultur gesamtheitlich bedarf eines radikalen Refresh‘s zum Wohle aller Projektbeteiligten und der Projekte.“
Nicht die Technik ist der Engpass, sondern ihre Anwendung. Sensorik, Monitoring und digital gestützte Funktionen sind bereits weit entwickelt. Entscheidend ist, sie so einzusetzen, dass Ressourcenschonung, Effizienz und verantwortungsbewusstes Verhalten tatsächlich unterstützt werden. Ähnlich verhält es sich bei BIM: Die größten Hürden liegen nicht auf technischer Ebene, sondern in Prozessen, Zuständigkeiten und Projektkultur. Genau dort entscheidet sich, ob Potenziale genutzt werden oder ungenutzt bleiben.
Ingenieurbüro Stengg / IB Stengg GmbH
Sitz: Knittelfeld, Österreich


