Ingenieur Wolfgang Eichenseher gewährt im Interview einen offenen Einblick in die Herausforderungen der Baubranche – von überhitzten Märkten bis hin zu schwierigen Auftraggebern. Er betont die Bedeutung von Empathie in der Mitarbeiterführung und die Notwendigkeit, Projekte nach Sympathie auszuwählen, um langfristigen Erfolg zu sichern. Zudem zeigt er, wie digitale Tools wie untermStrich den Büroalltag erleichtern und Raum für die eigentliche Leidenschaft schaffen: das Planen und Gestalten.
Was wünschen Sie sich für die Baubranche 2022?
„Entschleunigung. Momentan ist die Branche sehr überhitzt. Ich gehe davon aus, dass es auch so bleiben wird. Zumindest bei uns in Süddeutschland sieht es schwer danach aus. Es wäre jetzt aber für keinen gut, die Mitarbeiterzahl hochzufahren und das Büro zu vergrößern. Gesünder ist es, abzuwägen, welche Aufträge man eventuell nicht annehmen kann. Das ist relativ bitter ist. Der, dem man ein Mal eine Absage erteilt hat, kommt selten wieder. Dabei hätte er oder sie vielleicht in zwei Jahren ein Projekt, das man dann gut brauchen könnte. Es ist schwierig."
Eine überhitzte Branche zwingt zu Entscheidungen, die keine einfachen Antworten haben. Wachstum um jeden Preis ist keine Strategie – Selektivität schon. Wer abwägt, welche Aufträge er annimmt, steuert bewusst. Dass dabei Kundenbeziehungen auf dem Spiel stehen können, ist die Kehrseite dieser Klarheit.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welches Projekt Sie annehmen?
„Tatsächlich schlicht nach Sympathie. Jeder Kompromiss, den ich jemals in der Auftragsvergabe eingegangen bin, ist am Ende in die Hose gegangen. Unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg ist es so, dass wenn die Chemie nicht von Anfang an stimmt, sollte man es am besten bleiben lassen. Egal, wie lukrativ der Auftrag ist. Oft wird es dann so schwierig, dass sich der lukrativste Auftrag zum Minusgeschäft entwickelt."
Sympathie als Entscheidungskriterium klingt weich – ist es aber nicht. Wer die Erfahrung gemacht hat, dass Kompromisse bei der Auftragsvergabe regelmäßig scheitern, hat daraus eine klare Haltung entwickelt. Wirtschaftlicher Erfolg beginnt mit der richtigen Grundlage – und die lässt sich nicht erzwingen.
Wie halten Sie Ihr Team motiviert und somit erfolgreich?
„Es ist ganz wichtig, Sensibilität dafür zu entwickeln, wer belastungstechnisch im roten Drehzahlbereich ist. Als Führungskraft muss man ein Stück weit Empathie mitbringen. Bei uns sind 30 Mitarbeiter, Das Miteinander ist familiär, man kennt jeden. Da geht das ganz gut. Die Bereitschaft, in einem überbordenden Umfang Überstunden zu machen, hat aber generell nachgelassen. Mitarbeiter sind mehr darauf fokussiert, für sich selbst die richtige Balance zwischen Beruf und Privatleben zu schaffen. Als ich vor 20 Jahren losgelegt habe, war das anders. Wir haben 50, 60 Stunden im Büro verbracht. Das hat sich gelegt. Ich glaube, die Leute sind für sich selbst in ihrer Belastbarkeit sensibler geworden. Die Taktzahl im Informationsfluss ist so hoch geworden, dass man nicht mehr so viele Stunden leisten kann. Die Verschnaufpausen wären dafür einfach zu wenige. Kommunikation, Mails, WhatsApp, Slack und dann noch Anrufe, man wird ständig mit Informationen zugeballert."
Führung bedeutet hier: erkennen, wer gerade an seine Grenzen stößt. Bei 30 Mitarbeitenden, die sich kennen, ist das möglich. Was sich verändert hat, ist die Erwartungshaltung – und das zu Recht. Die Informationsdichte im Arbeitsalltag hat zugenommen, die verfügbare Erholungszeit nicht. Wer das ignoriert, verliert.

Wie löst man genau das Problem um diese Informationsflut?
„Es ist definitiv ein Organisationsthema. Ohne Tools wie untermStrich würde es heutzutage nicht mehr funktionieren. Die Tage von Excel-Listen sind längst gezählt. Ohne einer Software wäre weder die Verwaltung für mich, noch ein effizienter Arbeitstag für den Mitarbeiter möglich. Nehmen wir den Wandel beim Thema Dokumentenverwaltung her. Bei meinen ersten Baustellen hatte ich vielleicht 20 Briefe am Tisch. Heute haben wir 5000 Postein- und Postausgänge für ein mittelgroßes Bauvorhaben. Suchfunktionen sind das neue Allheilmittel. Jeder hat sich davon verabschiedet, alles in Ordnern abzulegen. Ich bin ganz froh darüber. Mitarbeiter sehen Zeiterfassung jetzt nicht mehr als Belastung, sondern auch einmal als Chance, beim nächsten Projekt besser kalkulieren zu können. Mit ihrer Hilfe kann ich auch vermeiden, dass ich einen Kalkulationsfehler noch einmal mache."
Informationsflut ist kein Kommunikationsproblem – es ist ein Organisationsproblem. Struktur schafft Entlastung. Was früher 20 Briefe waren, sind heute 5.000 Postein- und Postausgänge pro Bauvorhaben. Ohne Software, die das handhabbar macht, ist effizienter Arbeitsalltag nicht mehr denkbar. Zeiterfassung verändert dabei ihre Rolle: nicht Kontrolle, sondern Grundlage für bessere Kalkulation beim nächsten Projekt.
Sie sind ja ein Verfechter von Pauschalen …
„Ich bin ehrlich. Ich möchte diese Diskussion mit den Auftraggebern einfach nicht führen. Es ist für uns extrem schwierig, Stundensätze durchzusetzen. Für mich ist es tendenziell besser, mit fixen Summen zu arbeiten. Läuft es gut und bleibt unter dem kalkulierten Aufwand, optimal. Wenn es mal schlecht läuft, muss man eben die Kröte schlucken."
Pauschalen sind eine bewusste Entscheidung – für Klarheit auf beiden Seiten. Wer Stundensätze nicht durchsetzen kann oder will, braucht eine verlässliche Kalkulationsbasis. Die Konsequenz trägt man selbst. Das ist keine Schwäche, sondern eine klare Haltung zur eigenen Arbeitsweise.

Was motiviert einen als Ingenieur, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?
„Man muss jemanden im Hintergrund haben, der einem das zutraut. Als Angestellter in einem Planungsbüro kann man sich ein paar Jahre nach Studienabschluss nur sehr schwer vorstellen, dass man selbst dafür geeignet ist. Bei mir war das mein ehemaliger Chef. Er meinte, dass bei mir irgendwann die Selbstständigkeit kommt. So etwas motiviert. Und man muss für sich das Risiko abwägen. Schlaflose Nächste sollte man sich jedenfalls nicht machen. Aber natürlich sollte man psychisch belastbar sein, mit Stress gut umgehen können. Wenn man die Bürotür zumacht, muss man einen gewissen Abstand zum Tagesgeschäft einnehmen können. Es reicht, wenn einen die planerischen Probleme 24/7 beschäftigen."
Selbstständigkeit beginnt selten mit Selbstvertrauen – häufiger mit jemandem, der es einem zutraut. Was danach kommt, ist eine nüchterne Abwägung: Risiko ja, aber mit klarem Kopf. Wer abschalten kann, wenn die Bürotür zugeht, hat einen entscheidenden Vorteil. Die fachlichen Herausforderungen beschäftigen ohnehin rund um die Uhr.
Können Sie selbst noch Projekte ziehen?
„Ja. Ich habe bei unserer Projektgröße das Glück, dass ich rund 40 Prozent Manager bin, aber noch 60 Prozent Planer sein darf. Alles andere wäre auch hochgradig unbefriedigend. Mir ist es wichtig, in der Unternehmensführung durch den Einsatz der richtigen Tools möglichst viel Zeit zu sparen, um mehr Zeit für die Projektarbeit zu haben. Was mich reizt sind Projekte unter Denkmalschutz. Bautechnisch und gestalterisch ist ein Denkmal unglaublich spannend. Wenn man eine ganze Geschichte über einem Gebäude kennt, was in welchem Raum vor 200 Jahren passiert ist, wer dort das zeitliche gesegnet hat. Das ist eine echte Leidenschaft von mir, für die ich auch Zeit haben will. Manager hin oder her."
60 Prozent Planer, 40 Prozent Manager – eine Verteilung, die kein Zufall ist. Die richtigen Tools in der Unternehmensführung schaffen den Spielraum, der für die eigentliche Arbeit bleibt. Und die eigentliche Arbeit hat hier einen klaren Schwerpunkt: Denkmalprojekte. Bautechnisch anspruchsvoll, historisch aufgeladen – und eine Leidenschaft, für die es sich lohnt, Zeit freizuhalten.

EICHENSEHER INGENIEURE GmbH
Sitz: Pfaffenhofen an der Ilm, Deutschland



